Landet Bremen bald auf dem Abstellgleis?

26.06.2026 7 Von Axel Schuller

Der Befund ist nicht schön, aber realistisch: Bremen glänzt auf den Feldern Automobilbau, Wissenschaft, Luft- und Raumfahrt, High-Tech. Der Bürgermeister ruft uns sogar zur Space-City Nummer 1 aus. Zugleich hängt sich das Land zunehmend von wichtigen Verkehrsanschlüssen ab. Der Senat und die tragenden Parteien konzentrieren sich überwiegend aufs Verwalten. Mit verheerenden Folgen.

Es gibt Politikversagen, das laut knallt – etwa, wenn wieder mal der letzte PISA-Platz vergeben wird. Und jenes, das die Stadt langsam auffrisst: miese Radwege, löchrige Straßen, amtlich kassierte Parkplätze in Wohnstraßen, hinfällige Brücken, fehlender Fluganschluss, schlechte Bahn-„Kübel“ zum Personentransport.

Frankfurt fällt weg

Zum 1. Juli 2026 streicht die Lufthansa die Verbindung Bremen–Frankfurt. Damit verliert der gesamte deutsche Nordwesten den direkten Zugang zum (noch) weltweit wichtigen Drehkreuz. 

Wenn FRA dauerhaft per LH-Flug unerreichbar bliebe, hätte dies für Bremen fatale Folgen. Große internationale Kongresse wie jener im August mit Experten der Künstlichen Intelligenz – künftig unwahrscheinlich. Stark Export-orientierte Firmen werden sich überlegen, ob der Standort noch der richtige ist. Ob die stärkere Anbindung an den Umsteigepunkt Istanbul die Lücke füllen kann, bleibt abzuwarten.

Lufthansa stellt BRE-FRA übrigens nicht aus Übellaunigkeit ein. Nein, der Standort Deutschland ist gerade dabei, sich selbst aus den internationalen Verbindungen rauszuschießen.

Der Mediendienst „Table Briefings“ hat jüngst berichtet, wie sehr Deutschland aufgrund überhöhter Standortkosten nicht mehr wettbewerbsfähig ist. Die Folge: Deutsche Airlines sind – anders als die meisten anderer Staaten – noch nicht wieder auf Vor-Corona-Stand. 

Laut „Table Briefings“ gehören deutsche Flughäfen zu den teuersten. Während sich die Standortkosten (Luftverkehrssteuer, Luftsicherheitsabgaben und Flugsicherung) in Paris auf 3.416 Euro addieren, sind es in Frankfurt 4.843 Euro. In Madrid nur 661 Euro pro durchschnittlichem Flieger.

Der Bundesverband der deutschen Luftverkehrswirtschaft warnt vor den Folgen zu hoher staatlicher Gebühren. Frankfurt, einst der Knotenpunkt für internationale Non-Stop-Flüge ist bereits auf Rang 4 zurückgefallen – nach Istanbul, Amsterdam und London-Heathrow.

Wie formulieren Juristen stets so gestelzt? „Der guten Ordnung halber“ möchte ich noch auf eine Abstimmung vom 21. Mai  hinweisen: 

Der Bundestag hat mit den Stimmen von CDU/CSU, SPD und AfD eine (nicht ausreichende) Senkung der Luftverkehrsteuer um nur 20 Prozent beschlossen – gegen die Stimmen der Linken (aus Bremen: Doris Achelwilm) und der Grünen (aus Bremen: Dr. Kirsten Kappert-Gonther).  

Bahn: voll, alt, verspätet

Was häufig – auch von Grünen und Linken – als Ersatz beworben wird, ist selbst Teil des Problems. Zu Stoßzeiten sind Züge proppenvoll, Reisende sitzen sogar auf den Fluren. Wenn dann wie in der Nacht zu Mittwoch in Deutschland alle Züge stranden, hebt das nicht das Vertrauen in die Transport-Güte der DB.

Bremerhaven hat bis heute keinen Fernverkehrsanschluss. Das muss man mal sacken lassen: Bremerhaven, zweitgrößter deutscher Hafen, Drehscheibe für Militär-Transporte in alle Krisengebiete, Stadt mit 118.600 Einwohnern, ist restlos vom ICE-Netz abgekoppelt. 

Und der Bremer Nahverkehr? Auf den Expresskreuzlinien RE1, RE8 und RE9, die täglich 40.000 Pendler zwischen Oldenburg, Osnabrück, Wilhelmshaven, Norddeich, Hannover, Bremerhaven und Bremen bewegen, sollten längst neue Alstom-Triebzüge fahren. Geliefert werden sollten sie ursprünglich im Sommer 2023 und seit Dezember 2024 im Einsatz sein. Jetzt steht 2027 im Raum – die sechste Verschiebung. Begründet wird dies wechselweise mit Lieferketten, Zulassung, wieder Lieferketten. Genaues weiß man nicht; Alstom und die auch für Bremen zuständige  Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen (LNVG) bleiben dünn in der Auskunft. Bis dahin: Uralt-Wagen, andernorts längst ausrangiert.

Pikant: Seit über einem Jahr prüft das Land Bremen, ob der LNVG-Vertrag mit Alstom Regress-Forderungen zulässt. Seit EINEM JAHR!

Die Bahnwerkstatt-Falle

Parallel hat sich der Senat in eine Falle manövriert. Gegen den Planfeststellungsbeschluss zur Bahnwerkstatt Oslebshausen klagen am Montag, 29.6., 10 Uhr, vor dem Oberverwaltungsgericht zwei Seiten: die Bürgerinitiative Oslebshausen vertreten durch die  Top-Kanzlei Baumann (Würzburg) und die Initiative Stadtbremische Häfen (ISH), unterstützt von der Handelskammer

Was vielen Bremern m/w nicht bewusst ist: Hinter der ISH stehen bedeutende Firmen wie: Ambrian Energy, Diersch + Schröder, J. Müller, Nehlsen, Roland Mills Nord, Vollers, Weserport und weitere. Diese Unternehmen bilden – ohne Übertreibung – das Rückgrat der mittelständischen Hafenwirtschaft.

Der Senat lässt sich von Ahlers & Vogel vertreten. Bereits am 30.09.2025 schrieb Rechtsanwältin Dr. Claudia Nottbusch im Namen der Hansestadt in der Klageerwiderung: „Ohne die planfestgestellten Wartungs- und Instandhaltungskapazitäten ist ein Betrieb der Züge für Zwecke des Personennahverkehrs technisch und tatsächlich nicht möglich.“ 

Im Klartext: Solange die Werkstatt nicht steht, dürfen die Alstom-Triebzüge selbst dann nicht fahren, wenn sie endlich geliefert und vom Eisenbahn-Bundesamt zugelassen sind – ohne Werkstatt keine EC-Zertifizierung, ohne EC-Zertifizierung keine Alstom-Züge auf der Strecke. 

Die Züge dürfen also – wenn nicht andernorts rasch eine Werkstatt gefunden wird – aller Voraussicht nach nicht eingesetzt werden. 

Geht die Sache zum Bundesverwaltungsgericht nach Leipzig, wird das Werk frühestens 2030 in Betrieb gehen – sechs Jahre nach Plan. Bis dahin sind die 40.000 Pendler auf die Uralt-Wagen angewiesen, wenn die so lange durchhalten. 

Die Vorbehalte gegen die Oslebshauser Werkstatt lagen früh auf dem Tisch: Bürgerinitiative, Handelskammer, der Beirat Gröpelingen parteiübergreifend, SPD-Mitglieder bis hin zu Parteiaustritten – sie alle hatten ihre Einwände unmissverständlich und über alle möglichen Kanäle vorgebracht. Die Wiederentdeckung der Kriegsgräberstätte „Russenfriedhof“ mit 66 vollständigen Skeletten 2021/22 – also vor nun fünf Jahren – hätte spätestens eine ehrliche Suche nach Alternativen erzwingen müssen.

Viele Verantwortliche sind weitergezogen: Senator a.D. Joachim Lohse (Grüne) zurück nach Hamburg. Senatorin a.D. Maike Schaefer (Grüne) hatte Transparenz versprochen, nie geliefert – die Planfeststellung als letzte Amtshandlung. Staatsrat a.D. Ronny Meyer ist jetzt hochdotiert bei Deutsche Windtechnik, Staatsrat a.D. Enno Nottelmann lobbyiert für die swb.

Ungerecht: Die neue Verkehrssenatorin Özlem Ünsal (SPD) hat nun den ganzen Schlamassel allein am Hals.

Bilanz

Von Frankfurt abgehängter Flughafen, marode Brücken, kaputte Straßen und Radwege, endlos unfertige Ring-Autobahn A 281, kein DB-Fernverkehr für Bremerhaven, auf Jahre minderwertiger Bahn-Nahverkehr, Parkplatz-Klau in den Stadtteilen. 

Bremens Anbindung ist nicht besser – sie ist schlechter geworden.

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller

P.S.: Fürs Wochenende darf ich Ihnen nach dem vorigen sehr emotionalen Gastkommentar einen der nüchternen Art ankündigen. Aber: knallhart!