Gastkommentar: Sechsfacher Mord – Fragen über Fragen

18.07.2026 17 Von Axel Schuller

Die sechs Morde in Stade durch einen in Deutschland geborenen, jedoch über einen türkischen Pass verfügenden Täter sind an sich bereits unfassbar. Die fast fehlende öffentliche Reaktion darauf mindestens genauso. Der heutige Gastkommentator, der Bremer Politikwissenschaftler Dr. Stefan Luft (65), greift diesen himmelschreienden Widerspruch auf. Nicht nur er wundert sich, dass die Bremer Arbeitsstelle der Fahrerin des Fluchtwagens in bremischen Medien nahezu keine Rolle gespielt hat. 

Dr. Stefan Luft schreibt:

„Die Ermordung von sechs Mitarbeitern kommunaler Jugendschutzbehörden in Stade am 29. Juni ist nicht als Amoktat eines isolierten Einzeltäters einzuordnen. Die Tat spielte sich in einem Milieu ab, das politische Bezüge aufweist. Auf der Grundlage der Medienberichterstattung drängen sich einige politische Implikationen auf.

Die selektive Wahrnehmung der Öffentlichkeit, insbesondere zahlreicher Medien. Sondersendungen, „Brennpunkte“, Schlagzeilen, öffentliche Erregung, überregionale Kundgebungen blieben aus. Hätte der Tatverdächtige keine „Migrationsgeschichte“, wären die Opfer Ausländer (respektive Personen mit Migrationshintergrund), hätte am Steuer des Fluchtwagens nicht eine Mitarbeiterin einer Lobbyorganisation (so bezeichnet sich der Verein selbst) gesessen, sondern eine Funktionärin einer als rechts eingestuften Bürgerinitiative, wäre die mediale und insgesamt die öffentliche Reaktion fundamental anders ausgefallen – in Bremen und im Rest der Republik. 

Die Zahl der Demonstrationen gegen Rassismus und Faschismus wäre Legion. Betroffenheitsbekundungen und politische Forderungen hätten sich gegenseitig überboten. Diese doppelten Standards unterminieren die Glaubwürdigkeit des politischen Systems.

Fehlendes Gefahrenbewusstsein von Behörden: Der Tatverdächtige Fatih Khan G., geboren in Goslar, türkischer Staatsangehöriger, soll nach Medienrecherchen in der Türkei unter anderem wegen des Vorwurfs eines schweren Sexualdelikts (2007) und wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs einer eigenen Tochter (2022) in Untersuchungshaft gesessen haben. Er brach aus dem Gefängnis aus – bis heute werde nach ihm in der Türkei gefahndet. Er hielt sich über die Jahre unter anderem in Georgien, Lettland und Österreich auf.

Auch in Deutschland ist Fatih G. kein unbeschriebenes Blatt. In der Medizinischen Hochschule in Hannover war im April 2026 seine jüngste Tochter wegen des Verdachts auf Schütteltrauma behandelt worden. Das ärztliche Personal erstattete Strafanzeige aufgrund des aggressiven Auftretens des Vaters. Dieses Verfahren wurde eingestellt. 

Das Jugendamt hatte das Kind wegen des Verdachts auf Misshandlung in Obhut genommen. Ein Amtsgericht entzog im Frühjahr dieses Jahres den Eltern in einem Eilverfahren das Recht, über den Aufenthalt ihres Kindes zu entscheiden und die Gesundheitsfürsorge für ihre Tochter. Das Baby kam in die Mutter-Kind-Einrichtung in Stade. 

Warum wurden vor dem Hintergrund dieser Auffälligkeiten keine Sicherungsmaßnahmen für die Behördenmitarbeiter veranlasst? Wurde die Gefahrenlage falsch eingeschätzt? 

Und weiter: Wie kann es sein, dass sich der Tatverdächtige über Jahre unbehelligt unter anderem in Deutschland aufhält, obwohl die türkische Polizei nach ihm fahndet? Hätte die Ausländerbehörde auf Strafverfahren in der Türkei aufmerksam werden können? Schließlich: Welche Verbindungen ermöglichten es ihm, eine Woche vor der Tat illegal eine halbautomatische Pistole nebst Munition in Berlin zu erwerben?

Parteinahme aus Bremen: Sylvia S., eine 65jährige Mitarbeiterin des „Verbands binationaler Familien und Partnerschaften“ in Bremen, Fahrerin des Fluchtwagens, behauptet von sich, Patentante der Tochter von Fatih Khan G. zu sein. Die 65Jährige hatte drei Tage vor der Tat von Stade einen 20seitigen Brief an verschiedene Medien (unter anderen an die Süddeutsche Zeitung, die ausführlich berichtet) verschickt. Darin ergreift sie Partei für Fatih Khan G., beschreibt ihn als „ruhigen, besonnenen und kooperativen Mann“ und erhebt schwere Vorwürfe der Willkür gegen die mit dem Fall befassten Krankenhäuser und Behörden. 

Ärzte weisen allerdings darauf hin, dass hinreichender Grund bestand, das Kind vor dem Vater in Sicherheit zu bringen. Die Verletzungen durch ein Schütteltrauma ließen sich klar von Verletzungen unterscheiden, die durch einen Zusammenstoß mit dem Kopf eines Erwachsenen zustande kommen (was Sylvia S. als Ursache genannt hatte). 

Was wusste S. vom Vorleben des Fatih Khan G., vor allem über seine Strafverfahren in der Türkei? Was wusste sie von der Mordtat? Sie wartete mit laufendem Motor vor der Jugendhilfeeinrichtung in Stade. Fatih Khan G. kehrte nach dem Gespräch zu dem Fahrzeug zurück und holte die Tatwaffe. Ein Opfer wurde dann auf dem Rückweg vor dem Eingang erschossen. Die Frau muss also von den Schüssen gewusst haben, bevor sie mit dem Vater die Flucht antrat. Fatih Khan G. hat noch aus dem Fluchtwagen auf die Polizeibeamten geschossen. Antworten auf die Frage nach ihrer Rolle in diesem Fall müssen gegeben werden. Ihr Engagement war jedenfalls kein Beitrag, „das Zusammenleben in der Migrationsgesellschaft zukunftsweisend zu gestalten“, wie es der Arbeitgeber von Sylvia S. für sich in Anspruch nimmt. 

Voreilige oder pauschale Verdächtigungen von Beratungsorganisationen sind nicht gerechtfertigt. Unterstellungen und Spekulationen, wie sie in etlichen Berichten auftauchen, helfen in diesem Zusammenhang nicht weiter, weil weder Zusammenhänge noch Kausalitäten belegt werden. 

Dennoch können kritische Fragen nicht erspart bleiben. Etwa: Entwickelt sich bei Beratungs- und Lobbyorganisationen eine Identifikation mit den Klienten, die als Opfer wahrgenommenen werden? Droht dabei professionelle Distanz verloren zu gehen? Das ist keine Unterstellung. Darüber muss gesprochen werden – nicht nur weil die Politik diese Organisationen mit erheblichen Summen aus Steuergeldern fördert. Die Öffentlichkeit hat einen Anspruch darauf.

Der Autor ist Politikwissenschaftler.

Liebe Leserschaft, ich finde es wichtig, dass diese unfassbare Tat nicht in Vergessenheit gerät, sondern konsequent aufgeklärt wird. Wie schätzen Sie den bisherigen Umgang mit „dem Fall“ ein?

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller