Gastkommentar: „Wenn der Minijob fällt, bleibt mancher Briefkasten leer“
Im heutigen Gastkommentar appelliert der Präsident des Bundesverbandes Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV), zugleich Verleger der Nordsee-Zeitung in Bremerhaven, Matthias Ditzen-Blanke (52), eindringlich an Bundesregierung und Bundestag, die Minijobs für die Zeitungsbranche zu erhalten. Grund: Falle das Beschäftigungsmodell weg, fehlten am Ende möglicherweise die Zeitung-Austräger – oder die Abo-Preise müssten deutlich steigen. Ditzen-Blanke ist verheiratet und drei Kinder.

Matthias Dietzen-Blanke schreibt:
„Wer morgens in Bremen, Bremerhaven oder im Elbe-Weser-Raum seine Zeitung aus dem Briefkasten nimmt, interessiert sich vermutlich wenig dafür, wie sie dorthin gekommen ist. Das ist auch völlig in Ordnung. Eine gute Zustellung zeichnet sich gerade dadurch aus, dass man sie nicht bemerkt.
Das könnte sich bald ändern.
Die Rentenkommission empfiehlt, den steuer- und sozialversicherungsrechtlichen Sonderstatus von Minijobs weitgehend abzuschaffen.
Das Ziel dahinter ist nachvollziehbar: Wer arbeitet, soll sozial abgesichert sein und Rentenansprüche erwerben. Dagegen kann man schwerlich etwas haben.
Nur passt die politische Vorstellung nicht zur Wirklichkeit der Zeitungszustellung.
Unsere Zeitungen müssen in einem sehr kurzen Zeitfenster verteilt werden. Die Arbeit beginnt nachts oder am frühen Morgen und dauert in einem Zustellbezirk häufig nur wenige Stunden. Viele Zustellerinnen und Zusteller haben bereits einen Hauptberuf, sind im Ruhestand oder wollen ganz bewusst nur in begrenztem Umfang hinzuverdienen.
Aus einer zweistündigen Tour wird aber keine reguläre Teilzeitstelle, nur weil der Gesetzgeber das Beschäftigungsmodell ändert. Und wer morgens einige Stunden Zeitungen austragen möchte, will deshalb nicht automatisch länger arbeiten.
Genau darin liegt der Denkfehler: Wer den Minijob abschafft, schafft damit noch keinen regulären Arbeitsplatz. Im Zweifel schafft er zunächst einmal den Minijob ab – und verliert den Menschen, der ihn bislang ausgeübt hat.
Je nach Unternehmen sind heute zwischen 40 und 75 Prozent der Beschäftigungsverhältnisse in der Zeitungszustellung Minijobs. Man kann das politisch für eine problematische Größenordnung halten. Man muss dann aber auch erklären, wie diese Arbeit künftig erledigt werden soll.
Gerade bei uns im Elbe-Weser-Raum treffen lange Wege auf eine vergleichsweise geringe Zahl von Haushalten. Die Zustellung ist dort schon heute aufwendig und teuer. In einer dicht besiedelten Straße lassen sich hundert Zeitungen anders verteilen als in einem ländlichen Gebiet, in dem zwischen den einzelnen Briefkästen weite Strecken liegen.
Zusätzliche Kosten lassen sich auch nicht einfach auf den Abonnementpreis schlagen. Die Vorstellung, Verlage müssten ihre Produkte eben nur etwas teurer machen, klingt in einer politischen Diskussion schnell plausibel. In der Praxis hat jeder Preis eine Grenze. Wird sie überschritten, kündigen Leser. Damit fehlen wiederum Erlöse, um die Zustellung in der Fläche zu finanzieren.
Natürlich vertrete ich als Verleger auch wirtschaftliche Interessen. Das ist weder überraschend noch möchte ich es verschleiern.
Aber nicht jede Warnung einer Branche ist deshalb Lobbytheater.
Wir erleben jeden Tag, wie schwierig es bereits heute ist, Zustellbezirke zuverlässig zu besetzen. Wenn ein Beschäftigungsmodell wegfällt, das zur kurzen Arbeitszeit und zu den Wünschen vieler Zusteller passt, wird dieses Problem nicht kleiner.
Auch wir Verlage können uns nicht zurücklehnen. Wir müssen Touren besser planen, Abläufe vereinfachen, Logistik gemeinsam organisieren und gute Arbeitsbedingungen bieten. Und selbstverständlich müssen wir unsere digitalen Angebote weiterentwickeln.
Trotzdem löst der Hinweis auf die Digitalisierung das konkrete Problem nicht. Viele Menschen lesen ihre Zeitung weiterhin gedruckt. Sie haben sich bewusst dafür entschieden und erwarten zu Recht, dass ihr Abonnement auch in kleineren Orten zuverlässig zugestellt wird. Wir können diesen Lesern nicht einfach erklären, dass sie künftig ein E-Paper nutzen sollen, weil der Staat das bisherige Beschäftigungsmodell für die Zustellung nicht mehr vorsieht.
Noch schneller könnten die Folgen bei den kostenlosen Wochenzeitungen sichtbar werden. Diese erreichen fast alle Haushalte und bringen neben Werbung auch lokale Nachrichten, amtliche Mitteilungen sowie Informationen von Vereinen, Kirchen und Initiativen zu den Menschen. Ihre wirtschaftlichen Spielräume sind besonders eng.
Steigen die Zustellkosten deutlich, werden Ausgaben reduziert oder ganz eingestellt.
Dann fehlt nicht irgendein austauschbares Werbeprodukt. Dann fehlt ein Medium, das viele Menschen erreicht, die lokale Informationen sonst kaum noch wahrnehmen.
Die mögliche Abschaffung der Minijobs steht deshalb beispielhaft für ein grundsätzliches Problem: Gesetze werden aus der Perspektive des jeweils zuständigen Ministeriums entwickelt. Die sozialpolitische Absicht mag richtig sein. Die Folgen für andere Bereiche werden aber häufig erst dann sichtbar, wenn die Entscheidung praktisch schon gefallen ist.
Bei den Presseverlagen kommt inzwischen vieles zusammen: steigende Lohn- und Zustellkosten, zusätzliche Bürokratie und immer neue staatliche Vorgaben. Jede einzelne Belastung wird als vertretbar dargestellt. Entscheidend ist jedoch ihre Summe.
Wer Minijobs abschafft, schafft noch keine regulären Arbeitsplätze. Im schlechtesten Fall fehlen am Ende die Zusteller – und mit ihnen die Zeitung im Briefkasten.“
Soweit der Gastkommentar von Matthias Ditzen-Blanke, Chef des Deutschen Verlegerverbandes.
Wir lernen: Nicht nur die Gastronomie läuft gegen den Wegfall der Minijobs Sturm, sondern auch die Zeitungsbranche.
Liebe Leserschaft, ich hoffe, dass auch dieser Gastkommentar erneut Ihren Denk-Horizont erweitert hat. Jetzt heißt es: Debatte frei! Dabei bitte beachten: Im Blog bremensogesehen werden ausschließlich Leserkommentare mit Vor- und Nachnamen veröffentlicht.
Munter bleiben!
Herzlichst
Ihr Axel Schuller
Gern ergänzt: Die Alterssicherungskommission empfiehlt, den Sonderstatus für Minijobs weitgehend zu beenden. SchülerInnen sollen explizit die einzige Gruppe sein, für die das alte, beitragsfreie Modell bestehen bleibt. Kein Sonderstatus gibt es für StudentInnen (und RentnerInnen): Studierende wurden im ersten offiziellen Entwurf der Kommission nicht als Ausnahme genannt. Sie müssten demnach reguläre Rentenversicherungsbeiträge und weitere Sozialabgaben auf ihren Verdienst zahlen. Das ist ein Fehler, denn richtig erkannt: »Die mögliche Abschaffung der Minijobs steht deshalb beispielhaft für ein grundsätzliches Problem: Gesetze werden aus der Perspektive des jeweils zuständigen Ministeriums entwickelt. Die sozialpolitische Absicht mag richtig sein. Die Folgen für andere Bereiche werden aber häufig erst dann sichtbar, wenn die Entscheidung praktisch schon gefallen ist.« Man könnte auch schreiben: Es geht nicht um Sinnhaftigkeit der Maßnahme auf mehreren Ebenen; es geht nur noch darum, Ausgaben zu sparen. Man sollte ganz klar nachjustieren, denn ebenfalls richtig erkannt angesichts des politischen Desinteresses zahlreicher Menschen in diesem Land:» Steigen die Zustellkosten deutlich, werden Ausgaben reduziert oder ganz eingestellt. Dann fehlt nicht irgendein austauschbares Werbeprodukt. Dann fehlt ein Medium, das viele Menschen erreicht, die lokale Informationen sonst kaum noch wahrnehmen.« und auch das wäre fatal. PS: Vielen Dank für den sachlichen Kommentar, der gut die »Nebenwirkungen« von politisch unausgegorenen und nicht zu Ende gedachten Gesetzesvorlagen auf den Punkt bringt.
Wer Minijobs faktisch abschafft, gefährdet Wohlstand und Freiheit. Im Fall der Zeitungszustellung sogar Pressevielfalt.
Ich weiß, wovon ich spreche.
Am 7. November 1969 begann meine „berufliche Laufbahn“ als Zeitungszusteller.
Ich war acht Jahre alt. Und mächtig stolz.
Der Stadt-Anzeiger Krefeld war beliebt. Die Menschen warteten darauf. Und ich war derjenige, der ihn brachte.
125 Zeitungen. Acht Seiten. Rund 3,2 Kilogramm Papier. Etwa 90 Minuten Arbeit pro Woche.
Dafür bekam ich später rund 60 Mark im Monat.
Das war für mich ein Vermögen.
Vier Langspielplatten hätte ich davon kaufen können. Und ich hatte ungefähr viermal so viel Geld zur Verfügung wie viele Gleichaltrige an Taschengeld.
Arbeit bedeutete für mich Wohlstand. Und Freiheit.
Ich konnte mir selbst etwas leisten. Musste nicht meine Eltern fragen. Und lernte nebenbei etwas über Zuverlässigkeit, Verantwortung und Leistung.
Zehn Jahre lang habe ich Zeitungen ausgetragen.
Heute wird darüber diskutiert, den steuer- und sozialversicherungsrechtlichen Sonderstatus von Minijobs abzuschaffen.
Die Absicht dahinter – soziale Absicherung – kann ich verstehen.
Aber gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht.
Für Millionen Menschen ist ein Minijob kein missratener Vollzeitjob.
Er ist ein bewusst gewählter Zuverdienst.
Für Schüler und Studenten. Für Rentner. Für Menschen mit einem Hauptberuf. Für Menschen, die nur wenige Stunden arbeiten wollen oder können.
Und für manche ist dieses zusätzliche Einkommen genau das, was es für mich damals war:
ein Stück Wohlstand und ein Stück Freiheit.
Bei der Zeitungszustellung kommt noch etwas hinzu.
Zeitungen müssen in kurzen Zeitfenstern verteilt werden. Ein Zustellbezirk mit zwei Stunden Arbeit wird nicht plötzlich zu einer regulären Teilzeitstelle, nur weil die Politik die Beschäftigungsform abschafft.
Dann verschwindet im Zweifel nicht der Minijob.
Dann verschwindet der Zusteller.
Matthias Ditzen-Blanke, Präsident des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger, warnt deshalb zu Recht vor den Folgen.
Je nach Verlag sind heute 40 bis 75 Prozent der Beschäftigungsverhältnisse in der Zeitungszustellung Minijobs.
Wer diese Struktur zerstört, verteuert die Zustellung. Besonders kritisch wird es bei kostenlosen Wochenzeitungen und in ländlichen Gebieten.
Und irgendwann geht es nicht mehr nur um Arbeitsmarktpolitik.
Dann geht es darum, ob die Zeitung morgens noch im Briefkasten liegt.
Ob lokale Nachrichten Menschen erreichen.
Ob lokale Medien wirtschaftlich bestehen können.
Dann geht es auch um Pressevielfalt.
Deshalb:
Minijobs kann man verbessern.
Missbrauch kann man verhindern.
Soziale Absicherung kann man stärken.
Aber man sollte eine funktionierende Beschäftigungsform nicht zerstören, ohne verstanden zu haben, warum Menschen sie nutzen und welche Strukturen von ihr abhängen.
Das wäre für mich wieder einmal:
Neu denken. Anders handeln.
Und manchmal bedeutet neu denken auch, eine gute Idee nicht abzuschaffen.
Die Abschaffung des Minijobs ist für mich vor allem eine Chance. Natürlich wird dadurch Arbeit in manchen Branchen teurer. Aber bisher wurde ein Teil dieser Kosten schlicht gesellschaftlich „verstaatlicht“.
Denn wenn Menschen dauerhaft für wenige Stunden, mit geringen Einkommen und entsprechend geringen Rentenansprüchen beschäftigt werden, verschwinden die Kosten ja nicht. Sie tauchen später bei der Rentenversicherung, bei der Grundsicherung oder anderen Sozialleistungen wieder auf. Der vermeintlich billige Arbeitsplatz ist also nicht unbedingt billig – ein Teil seiner Kosten wird nur an die Allgemeinheit weitergereicht.
Deshalb überzeugt mich das Argument „Dann steigen die Lohnkosten und Arbeitsplätze gehen verloren“ nur zur Hälfte. Ja, das Risiko gibt es. Aber die entscheidende Frage muss doch sein: Was geschieht dann mit den Geschäftsmodellen und der Organisation von Arbeit?
Gerade in Handel, Logistik, Gastronomie und Teilen des Baunebengewerbes könnte der Wegfall des Minijobs einen längst überfälligen Produktivitätsdruck erzeugen: bessere Arbeitsorganisation, mehr Qualifizierung, verlässlichere Arbeitszeiten, technische Unterstützung und weniger Abhängigkeit von ständig wechselnden Aushilfen.
Vielleicht ist das sogar die eigentliche Chance: nicht Arbeit künstlich billig zu halten, sondern die Unternehmen dazu zu bringen, mehr Wert mit der eingesetzten Arbeit zu schaffen.
Natürlich muss man dabei die Risiken ernst nehmen. Wo reguläre Beschäftigung zu teuer wird, können Arbeitsplätze verschwinden oder Schwarzarbeit attraktiver werden. Das spricht für Übergänge, Kontrolle und eine kluge Arbeitsmarktpolitik – aber nicht automatisch für die Beibehaltung des Minijobs.
Die grundsätzliche Frage lautet deshalb für mich:
Wollen wir Arbeitskosten weiterhin teilweise sozialisieren, damit bestimmte Geschäftsmodelle billig bleiben? Oder wollen wir die Unternehmen stärker dazu bringen, ihre Produktivität zu erhöhen und Arbeit so zu organisieren, dass Menschen von ihr leben können?
Ich halte die zweite Variante langfristig für die bessere Arbeitsmarktpolitik.
Volle Zustimmung – mir ist es ganz genauso ergangen.
Auch ich habe früh durch die Zeitungszustellung mein eigenes Geld verdient. Für mich war das damals weit mehr als nur ein kleiner Nebenverdienst: Es bedeutete Unabhängigkeit, Verantwortung und ein Stück persönliche Freiheit. Ich konnte mir von meinem selbst verdienten Geld Dinge leisten, ohne meine Eltern fragen zu müssen. Gleichzeitig habe ich gelernt, zuverlässig zu sein und Verantwortung für meine Aufgabe zu übernehmen.
Deshalb kann ich die Diskussion über die Abschaffung des Minijobs nur schwer nachvollziehen. Natürlich muss man Missbrauch verhindern und soziale Absicherung dort verbessern, wo sie notwendig ist. Aber ein Minijob ist nicht automatisch ein schlechter oder prekärer Arbeitsplatz. Für viele Menschen ist er eine bewusst gewählte und passende Möglichkeit, zusätzliches Einkommen zu erzielen.
Das gilt nicht nur für die Zeitungszustellung. Auch die Gastronomie ist in hohem Maße auf flexible Beschäftigungsmodelle angewiesen. Gerade dort gibt es Arbeitszeiten, die sich nicht ohne Weiteres in klassische Teilzeitmodelle pressen lassen – etwa am Abend, am Wochenende, bei Veranstaltungen oder in saisonalen Spitzenzeiten. Viele Schüler, Studenten, Rentner oder Menschen mit einem Hauptberuf nutzen diese Möglichkeit ganz bewusst.
Wenn man diese Beschäftigungsform faktisch abschafft, wird die Arbeit nicht automatisch mehr. Sie wird für viele Betriebe schlicht schwieriger und teurer zu organisieren. Gerade kleinere gastronomische Betriebe könnten dadurch zusätzlich unter Druck geraten – mit höheren Personalkosten, weniger Öffnungszeiten oder im schlimmsten Fall sogar der Aufgabe des Betriebs.
Für mich persönlich waren die ersten Jahre der Arbeit prägend. Arbeit hat mir damals Wohlstand, Selbstständigkeit und Freiheit vermittelt. Diese Erfahrung sollte auch heute noch möglich sein.
Deshalb: Minijobs nicht pauschal abschaffen, sondern sinnvoll weiterentwickeln. Missbrauch bekämpfen – ja. Eine funktionierende und für viele Menschen wichtige Beschäftigungsform zerstören – nein.
Ob Zeitungszustellung, Gastronomie oder andere Branchen: Wir sollten nicht vergessen, dass Flexibilität auch eine Chance sein kann – für Arbeitnehmer genauso wie für Arbeitgeber.
Hier zeigt sich ein Kernproblem der Minijob-Debatte: Nicht jeder Minijob erfüllt denselben Zweck. Für Schüler, Studierende oder Rentner sind Tätigkeiten wie Zeitungsaustragen, stundenweise Arbeit an der Tankstelle oder Hilfe im Privathaushalt klassische und sinnvolle Nebenjobs.
Anders sieht es bei erwerbsfähigen Menschen aus, deren Lebensunterhalt dauerhaft überwiegend vom Staat finanziert wird. Hier darf der Minijob nicht zum Dauerzustand und die staatliche Unterstützung nicht zum dauerhaften Lohnersatz werden. Die Jobcenter müssen konsequenter qualifizieren und in reguläre, möglichst bedarfsdeckende Beschäftigung vermitteln.
Der bessere Weg ist deshalb eine klare Unterscheidung: Minijobs als echter Zuverdienst – ja. Minijobs als dauerhaft staatlich subventioniertes Beschäftigungsmodell für Aufstocker – nein.
„Lieber guter Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd andere an!“
Den Volksvertretern und den Überreichen mangelt es an Phantasie, aber es gibt keinen Mangel an der Entschlossenheit, andere Leute – meist Arme – zahlen zu lassen. Was die beiden Gruppen unterscheidet, ist, dass Gruppe eins Lösungen für die selbst geschaffenen Probleme möglichst billig herbeilügen will und die andere Gruppe vom Nirwana der Steuerfreiheit träumt. Für die Gesellschaft ist das wie eine Verbindung aus Nitro und Glyzerin.
Wie wäre es denn mal mit einem großen Wurf, statt die Republik durch 7-millionste Sonderregelung zu zerlegen?
Vollständiger Ersatz der Sozialabgaben durch Einkommenssteuern.
Vor meinem inneren Auge sehe ich bereits, wie einige Leser am Kruzifix nesteln und sich gedanklich auf notwendige Exorzismen vorbereiten.
Aber vielleicht gelingt es mir doch noch, die kognitive Dissonanz etwas zu lösen, indem ich die Gedanken kurz auf das Problem lenke: Die Produktivitätssteigerungen der vergangenen Jahrzehnte haben zu einer Sockelarbeitslosigkeit geführt, die durch die Schaffung eines Niedriglohnsektors kaschiert wurde. Das sind unter anderem die Minijobs.
Die Gehälter für die verbleibenden Jobs sind weniger stark gestiegen als die Produktivität und die Inflation. Auch durch den druck der vielen Arbeitslosen. Darum fehlen die entsprechenden Einnahmen in den Sozialkassen. Die Kosten der Sozialkassen sind aber mit der Inflation und der Privatisierung von z. B. Krankenhäusern stärker gestiegen als deren Einnahmen.
Das muss innerhalb des aktuellen Systems zu einer kontinuierlichen prozentualen Erhöhung der Beiträge bei gleichzeitiger Leistungskürzung führen. Das ist eine Todesspirale, weil dadurch die Lohnkosten durch diese kalte Küche immer höher werden. Aber die Kaufkraft pro Arbeitsstunde sinkt, was übrigens die aktuelle Nachfragekrise mit erklärt.
Der Ersatz der Sozialabgaben durch Einkommenssteuern löst das Problem, weil die Lohnkosten sofort sinken. Es erklärt sich natürlich von selbst, dass wir dann einen Spitzensteuersatz von 70–80 % hätten. Aber vielleicht erst ab dem Zehnfachen des Durchschnittseinkommens.
Wir leben in einer immer älter werdenden Gesellschaft. Viele von uns werden schwächer, weniger beweglich, sind glücklicherweise (noch) nicht auf Pflege angewiesen. Wir möchten trotzdem so lange wie möglich zu Hause leben. Bloß nicht ins Heim… „Aber du steigst mir nicht mehr auf die Leiter, Mama, viel zu gefährlich. Und deine vielen Treppen im Haus. Wir haben Angst, dass du beim Saubermachen dabei fällst. Kümmere dich doch bitte um eine Putzhilfe“.
Die grundsätzlich hilfsbereiten erwachsenen „Kinder“ hören nicht auf zu mahnen. Sie haben selbst Job und Familie und können oft „nicht mal eben rüberkommen und mit anpacken“. „Ich habe es ja versucht, dass Frau X mir etwas zur Hand geht. Sie würde das auch gerne machen, möchte aber nicht angemeldet werden für 2 Stunden die Woche, obwohl sie das Geld braucht.“
Was also tun? „Schwarz beschäftigen ist verboten, so etwas mache ich nicht. Und: Was ist, wenn Frau X dann von der Leiter fällt?“
Solche Gespräche finden in vielen Familien regelmäßig statt.
Dabei geht es doch bisher: Die Minijob-Zentrale macht es uns leicht, auf Antrag eine niedrigschwellige Unterstützung im Haushalt zu beschäftigen. Zu einem Pauschalbetrag, mit eingeschlossener Unfallversicherung. Saubere Sache, und alle haben was davon. Das soll jetzt aufhören? Was denken sich PolitikerInnen dabei? Sollen alte Menschen ohne dringenden gesundheitlichen Grund den medizinischen Dienst kommen lassen und hoffen, dass die Pflegekasse, die angeblich schon viel zu viel übernehmen muss, was „dazu gibt“. Die eigene Rente ist ja auch nicht groß… Sollen wir wirklich Schwarzarbeit und Betrug flächendeckend fördern, ein Risiko für alle Beteiligten und weit weg von Solidarität? Nein! Bitte nochmal nachdenken, liebe VolksvertreterInnen. Minijobs im Haushalt müssen erhalten bleiben. Sie bedeuten auch Ehrlichkeit, klare Verhältnisse und Lebensqualität für viele Menschen. Das, was wir uns alle im Umgang miteinander wünschen.
Den Gastkommentar von Herrn Ditzen-Blanke finde ich gut, und er trifft zu.
Hinzukommt, dass Politiker zunehmend versuchen, ihre Wähler direkt über Social Media zu erreichen – siehe etwa Markus Söder.
Auch Bürgermeister Dr. Bovenschulte wählt offenbar lieber die Verbreitung über überregionale Medien und nutzt eigene Kanäle, um seine politischen Ideen zu vermitteln. Dagegen stellt er sich den lokalen Medien, wenn es um Fragen zu wichtigen und drängenden Bremer und Bremerhavener Themen geht, letztlich nicht.
Wie groß ist das Interesse der Politik an einem unabhängigen Lokaljournalismus tatsächlich?
Moin Matthias Dietzen-Blanke, eine kleine offline Debatte zum Beitrag hat noch eine Frage zu Ihrem Standpunkt aufgeworfen.
Ein direkter Kostenvergleich zeigt, dass Minijobs für den Arbeitgeber teurer sind als Sozialversicherungspflichtige Mitarbeiter:
Minijob: 500 € Brutto + ca. 31 % Sozialabgabenaufschlag = 655 €
Sozialversicherungspflichtig: 500 € Brutto + ca. 21 % Sozialabgabenaufschlag = 605 €
Fazit aus reiner Arbeitgeber-Sicht: Bei gleichem Bruttolohn ist der Minijob für den Arbeitgeber teurer (rund 10 Prozentpunkte bzw. ca. 50 € mehr bei 500 €).
Der oft genannte Vorteil des Minijobs liegt nicht in niedrigeren direkten Lohnnebenkosten, sondern vor allem darin, dass viele Menschen von der Schwarzarbeit ferngehalten werden sollen, weil sie brutto = netto bekommen. Wenn man nur die reinen Arbeitgeberkosten betrachtet, ist die sozialversicherungspflichtige Variante günstiger.
Niemand hält Sie davon ab, ehemalige Minijobber sozialversicherungspflichtig für wenige Stunden zu beschäftigen. Im Gegensatz zu Beate Fischer ist der bürokratische Aufwand für Sie minimal, weil Sie die notwendigen Strukturen bereits haben. Die Arbeitnehmer stehen ja unter finanziellen Druck und müssen die 21% Abzüge (vom Mindestlohn) leider akzeptieren, oder?
Ich habe den Verdacht, dass Ihre Argumentation etwas unehrlich ist und Sie ein anderes, für uns nicht sichtbares Ziel verfolgen. Können Sie uns da einweihen, oder ist die Offenlegung potenziell empörend?
Der Wegfall der Minijobs käme einer humanitäre Katastrophe gleich!
Es gibt fast keinen Bereich, in dem es sie nicht gibt.
Ich denke da z.B. an die Gastronomie, Private Haushalte und an die Zeitungszusteller.
Ich möchte das mal an einem Beispiel festmachen:
Der Polizeibeamte Frank Striepe und ich haben vor etlichen Jahren ein Konzept entwickelt, Zeitungszusteller und Taxifahrer zu Zuarbeitern der Polizei zu machen.
Es ging um die Eindämmung der Einbruchszahlen mit Unterstützung von Nachtarbeitern.
Sie sollten verdächtiges Verhalten (Fotografieren, Ausspionieren von Wohnungen und Gebäuden, auch deren Markierung) sofort über 110 melden.
Das hatten sie bis dato nur sporadisch gemacht.
Striepe und ich hatten die volle Unterstützung von Ulli Mäurer, dem damaligen Innensenator.
Das Konzept „Nachtarbeiter“ zu Hilfssheriffs zu machen, basierte einfach auf der Tatsache der Personalknappheit der Polizei.
Sie hatte sich längst aus der Fläche zurück gezogen.
Heute kenne ich die Zahlen der Verhinderung, Prävention und Aufklärung der Straftaten aus diesem Konzept nicht mehr.
Aber dem Vernehmen nach und laut dem Flurfunk im Polizeipräsidium sollen es Hunderte sein.
Deswegen hoffe ich, dass die Abschaffung der Minijobs noch verhindert wird.
Ich empfehle diesen Beitrag aus dem F.A.Z. Kiosk: Sonntag, 16.08.2026,
So will der Staat Sozialbetrug bekämpfen, Titelseite
Passt zum Thema heute.
Zitat Detlev Grass: „Unabhängigkeit, Verantwortung und ein Stück persönliche Freiheit. Ich konnte mir von meinem selbst verdienten Geld Dinge leisten, ohne meine Eltern fragen zu müssen. Gleichzeitig habe ich gelernt, zuverlässig zu sein und Verantwortung für meine Aufgabe zu übernehmen.“ Man kann Kinder auch zu sehr schützen. Wie sollen sie dann Selbstvertrauen und Urteilsvermögen gewinnen? Wenn die Bereitschaft, persönliche Verantwortung zu übernehmen, gleich aus welchen Motiven, unterdrückt wird, bleibt nur noch der Weg in die Bürokratie. In der Wirtschaft setzen sich die durch, deren Eltern Individualismus und Verantwortungsgefühl gefördert haben, und arbeiten dann für die, die von ihrem Steuergeld leben und immer neue kreative Wege finden, es auszugeben.
Uns allen muss klar sein, dass diese „Reform“ erstens Finanzierungslücken schließen soll und zweitens Arbeit verteuert. Weiterhin sind die Rentenanwartschaften durch die Reform für Minijobber sehr überschaubar. In der ganzen Diskussion fehlt m.E. die Sicht darauf, was die Reform denn dem 14 jährigen Zeitungszusteller oder der 20 jährigen Stundentin in Zukunft an Renten-Mehreinkünften bringt.
Völlig sinnfrei ist es in meinen Augen für Renter.
Für Zeitungsverlage, aber vor allem – wie Herr Ditzen Blanke darlegt – Wochenzeitungsverlage kann die Änderung existenielle Folgen haben. Anzeigenfinanzierte Wochenzeitungen sind für viele Menschen der einzige, barrierefreie Zugang zu lokalen Informationen. Die Reform bedroht also Teile der Presselandschaft. Minijob Reform und die faktische Abschaffung des Informationsfreiheitsgesetzes sind völlig unverständliche Angriffe auf die Meinungsfreiheit.
@Kai Linnemann, ich glaube, was dem Staat fehlt, ist eine seriöse Gesetzesfolgenabschätzung, aber die „Technokraten“ stehen auf Pflaster, Placebos und fest auf ihrem Glauben, dass sie selbst die Richtigen sind und die anderen die Falschen.
So etwas wie der Wissenschaftliche Dienst stört da nur die Ordnung und allgemeinen Halluzinationen. Ich finde, die „Angriffe auf die Meinungsfreiheit“ sind angesichts der schlechten Politik verständlich, die Kritik wird ja immer lauter – und irgendwie muss man die Störenfriede doch mundtot kriegen. Das kennen wir doch seit ca. 2010 und es wird immer schlimmer, vor allem trifft es die neuen Medien.
Dass es jetzt mit den Zeitungsverlagen die etablierten Realitätsdeuter und Systemstützen trifft, ist wohl nur ein Kollateralschaden. Sicherlich nur friendly fire, also nicht böse gemeint. Aber die haben selbst schuld, weil sie sich in jeder Krise auf die Seite der Macht geschlagen haben. Es gibt keinen Krieg, Plandemie oder sonstige Raubzüge, die nicht durch die Verlage positiv begleitet wurden.
Hat versagt kann weg!
Leider sieht man, wie weit die Realität der Politik und der Rentenkommission vom echten Leben entfernt ist.
Nun soll der Minijob abgeschafft werden und man geht davon aus, dass die bisherigen Minijobs (m/w/d) in sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze umgewandelt werden.
Es wird immer erzählt, dass es prekäre Arbeitsplätze sind und so viele Menschen mehrere Minijobs machen müssen um über die Runden zu kommen.
Tatsächlich darf man, wenn man einen Hauptjob hat, nur einen Minijob bis maximal € 603 ausüben. Wenn man Bürger- oder Arbeitslosengeld erhält, darf man nur € 100,00 steuerfrei dazuverdienen, der Rest wird dann nur noch gestaffelt sozialabgabenfrei.
Hat man keinen Hauptjob dürfen mehrere Minijobs ausgeübt werden aber zusammen darf man die € 603 nicht überschreiten.
Wenn man sich die Arbeitnehmenden ansieht, die eine geringfügige Beschäftigung ausüben, sind es Menschen, die nicht zu den Großverdienenden gehören, sich aber durch ihre Mehrarbeit einfach mehr gönnen wollen. Dieses Geld geht zum überwiegenden Teil sogar direkt in den Konsum und damit in den Wirtschaftskreislauf.
Wenn von diesem Geld durch Steuern und Abgaben nicht mehr viel bleibt, wird es sich für die Arbeitnehmer nicht mehr lohnen.
Warum will man gerade an diese Personengruppe heran?
Nicht nur in der Gastronomie auch in vielen anderen Bereichen ist diese geringfügige Beschäftigung existenziell um Arbeitsspitzen oder kurzfristige Krankheitsausfälle zu kompensieren. Ich denke dabei gerade an die Pflege, Events oder die Außengastronomie, wo je nach Wetterlage reagiert werden muss. Dies geht nur mit Teil- oder Vollzeitkräften nicht wirtschaftlich .
Hierzu nur eine Zahl veröffentlicht von Creditreform. Im Jahr 2025 wurden in Deutschland 15.000 Gaststätten und Beherbergungsbetriebe geschlossen.
Zum großen Teil, weil es eben wirtschaftlich nicht mehr zu vertreten war, aus Altersgründen oder weil keine Nachfolger gefunden wurden. Wenn nun noch die Möglichkeit der geringfügig Beschäftigten genommen wird, steigt diese Zahl sicher noch extrem an.
Im Übrigen sollte man sich einmal überlegen, wer die Rentenbeiträge bezahlt.
Die Arbeitnehmer zusammen mit den Arbeitgebern. Von beiden Gruppen sitzt kein Vertreter in der Rentenkommission.
Warum soll der Steuerzahler dafür aufkommen ?
Zumal immer weniger – in D – Zeitungen lesen oder erst recht abonnieren.
Zeitungen haben ja schon durch den ermäßigten MWST Satz einen Vorteil. Klar ist es tragisch, daß sich immer mehr Werbung ins Internet verschiebt. 100 seitige Zeitungen die 2,50 DM kosteten, diese Zeiten sind lange vorbei. Andererseits, wer hatte damals überhaupt die Zeit dies alles zu lesen ?
Dazu ist das Format Tageszeitung auch aus der Zeit gefallen. Ich bin gar kein Freund der Digitalzeitungen, aber ich frage mich schon seit 25 Jahren, warum man eine Zeitung nicht alle 2 oder 3 Tage herausbringt.
Mit der Internetaktualität kann man eh als Printprodukt nicht mithalten, eine Zeitung die alle 2 oder 3 Tage erscheint kann Vorgänge besser analysieren, ohne gleich so umfassend zu sein wie eine SO-Zeitung ( FAS oder WAMS ).
Ich habe mich aber auch von meiner Lieblingszeitung „Handelsblatt“ getrennt, weil sie seit etwa 2-3 Jahren fast nur noch über KI, Rüstungsindustrie und Autobranche schreibt. Auch immer kritikloser, war mal anders.
Fast alle Zeitungen sind immer farbloser und unkritischer geworden. Kleinigkeiten werden zum Skandal aufgeblasen, richtige Skandale oft kaum beleuchtet, oder es wird nicht mehr auf die Vorgeschichte eingegangen.
( Flüchtlingskrise = auch Folge des Sturzes von Gaddafi, VW Krise = auch eine Folge der Dieselkrise, mehr Einbrüche und steigende Ladendiebstähle = Folge der Schikane und Leistungsverweigerung der Jobcenter, usw.)
„DER FREITAG“ ist eine der wenigen Zeitungen die noch kritischer ist, die ich – wenn der „Aufmacher“ interessant ist – dann auch gelegentlich kaufe, obwohl sie recht dünn ist und 5,90 Euro kostet.