Gastkommentar: „Bremen wird zur Baustelle – und das ist eine gute Nachricht“
„Es wird anstrengend, aber es lohnt sich!“ Stefan Brockmann (57), Vorsitzender der Cityintiative Bremen und Inhaber des Einrichtungshauses BoConcept in der Domshofpassage, glaubt fest an die Zukunft der Innenstadt. Er bittet Bremens Bevölkerung und die City-Kundschaft, in den kommenden Umbaubaujahren nicht nur die Probleme, sondern vor allem die Chancen zu sehen. Brockmann (verheiratet, 2 Kinder) ist seit Jahrzehnten im Einzelhandel tätig. Nach Geschäftsführer-Posten bei Karstadt und Dodenhof hat er sich 2013 mit BoConcept selbständig gemacht.

Stefan Brockmann schreibt:
„Wer derzeit durch die Bremer Innenstadt geht, braucht an manchen Stellen durchaus etwas Fantasie. Leerstände, Bauzäune und Gebäude, deren beste Zeiten sichtbar hinter ihnen liegen. Und in den kommenden Jahren wird es zunächst nicht unbedingt schöner: Es wird abgerissen, umgebaut, gesperrt und improvisiert werden.
Doch vielleicht sollten wir genau darin einmal nicht das nächste Bremer Problem sehen, sondern eine große Chance.
Mit dem Bremer Hof und dem Abriss des Parkhauses Mitte wird sich ein zentraler Bereich unserer Innenstadt grundlegend verändern. Das ehemalige C&A-Gebäude am Hanseatenhof wird umfassend umgebaut und mit neuen Nutzungen gefüllt.
Am Brill steht mit dem ehemaligen Sparkassenareal ein weiteres gewaltiges Projekt an – und natürlich das ehemalige Horten-Gebäude als Kernstück, genauso wie die Pläne um das ehemalige Defaka Haus.
Das sind keine kosmetischen Korrekturen, sondern eine strukturelle Veränderung unserer City.
Und genau das haben wir doch jahrelang gefordert.
Wir können nicht auf der einen Seite beklagen, dass sich in der Bremer Innenstadt nichts verändert und alles schlimmer wird – und uns anschließend darüber beschweren, dass überall gebaut wird.
Natürlich werden die kommenden Jahre anstrengend. Für den Handel, für die Gastronomie, für Anwohner, Besucher und auch für uns Unternehmer. Baustellen bedeuten Umwege, Lärm und Einschränkungen.
Trotzdem lohnt sich der Blick auf das, was danach entstehen kann.
Denn die Innenstadt der Zukunft wird nicht mehr die Einkaufsstadt der 1980er- oder 1990er-Jahre sein. Das ist keine Bremer Besonderheit, sondern eine Entwicklung, die praktisch alle deutschen und europäischen Innenstädte betrifft. Onlinehandel, veränderte Arbeitswelten und ein anderes Konsumverhalten haben die Spielregeln verändert.
Eine erfolgreiche Innenstadt braucht deshalb heute mehr als Geschäfte. Sie braucht Handel und Gastronomie, aber ebenso Wohnen, Arbeiten, Kultur, Bildung, Veranstaltungen, Tourismus und gute öffentliche Räume.
Vor allem braucht sie Gründe, warum Menschen gerne in die Stadt kommen und dort auch bleiben.
Genau darin liegt die Chance der jetzt anstehenden Projekte.
Hat der Bremer Senat in den vergangenen Jahren alles richtig gemacht? Sicherlich nicht. Manche Entscheidung war schwer nachvollziehbar, manches Verfahren dauert in Bremen viel zu lange, und bei Themen wie Erreichbarkeit, Sauberkeit und Sicherheit gibt es weiterhin genug zu tun. Kritik daran ist notwendig.
Aber zur Wahrheit gehört für mich auch: Es ist vieles auf den Weg gebracht worden. Mit den BIDs haben wir Strukturen geschaffen, in denen Eigentümer und Wirtschaft selbst Verantwortung für ihre Quartiere übernehmen.
Mit der Universität am Domshof kommen junge Menschen, Bildung und neues Leben mitten in die City. Und private Investoren sind bereit, erhebliche Summen in die Zukunft unserer Innenstadt zu investieren.
Gerade deshalb dürfen Politik und Verwaltung jetzt nicht nachlassen. Wer investiert, wer umbaut, wer neue Konzepte wagt, braucht Verlässlichkeit, Tempo und manchmal auch mehr Pragmatismus. Gerade deshalb wird es zentrale Aufgabe von Politik und Verwaltung sein, auf ein hohes Tempo zu achten und Verzögerungen zu vermeiden.
Vielleicht sollten wir uns aber auch als Bremer eine Angewohnheit etwas häufiger abgewöhnen: reflexartig zunächst aufzuzählen, warum etwas nicht funktionieren kann, warum etwas besonders schlimm ist und warum man es natürlich schon immer gewusst hat.
Eine Stadt entwickelt sich nicht allein im Rathaus. Und auch nicht allein durch Investoren. Sie entsteht aus dem Zusammenspiel von Politik, Verwaltung, Eigentümern, Unternehmern, Kulturschaffenden und den Menschen, die sie besuchen und in ihr leben.
Gerade jetzt müssen wir deshalb enger zusammenrücken.
Das bedeutet nicht, alles gutzuheißen. Im Gegenteil: Wir sollten streiten, wenn Entscheidungen falsch sind. Wir sollten Tempo einfordern, wenn Verfahren zu lange dauern. Und wir müssen darauf achten, dass unsere Innenstadt während der jahrelangen Umbauphase erreichbar und attraktiv bleibt.
Aber wir sollten dabei das gemeinsame Ziel nicht aus den Augen verlieren.
Ich erlebe als Unternehmer in der Innenstadt jeden Tag, wie unmittelbar sich Frequenz, Erreichbarkeit und auch die Stimmung über unsere City auf die Geschäfte auswirken. Wer ständig erzählt, dass die Bremer Innenstadt nichts mehr zu bieten habe, darf sich irgendwann nicht wundern, wenn die Menschen diese Erzählung glauben.
Dabei gibt es genügend Gründe, selbstbewusster nach vorne zu schauen.
Fragen Sie einmal im Freundeskreis, wie viele inhabergeführte Fachgeschäfte es in unserer City noch gibt. Keine 20? Keine 50? Mit dieser Einschätzung wären Sie in bester Gesellschaft – aber weit daneben. Es sind 136 inhabergeführte Fachgeschäfte. 136 gute Gründe, unsere Innenstadt nicht vorschnell abzuschreiben.
In den kommenden Jahren werden an mehreren Schlüsselstellen der Innenstadt gleichzeitig erhebliche Investitionen sichtbar. Gebäude, über deren Zukunft wir jahrelang diskutiert haben, werden tatsächlich angefasst. Neue Nutzungen entstehen. Ganze Bereiche der City bekommen die Chance, sich neu zu erfinden.
Das wird nicht reibungslos funktionieren. Transformation tut das selten. Pragmatismus hilft immer.
Aber vielleicht ist genau jetzt der Moment, in dem wir Bremer uns alle und die Betonung liegt auf ALLE – unterhaken sollten.
Nicht weniger kritisch, aber konstruktiv. Nicht Probleme verschweigen, Lösungen unterstützen.
Und vor allem nicht jede Baustelle als Beweis dafür sehen, dass in Bremen wieder einmal etwas nicht funktioniert.
Manchmal ist eine Baustelle nämlich genau das Gegenteil:
Ein sichtbares Zeichen dafür, dass endlich etwas passiert.„
Soweit der Gastkommentar von Stefan Brockmann.
Liebe Leserschaft, bevor ich Sie heute von bremensogesehen „entlasse“ habe ich noch eine Bitte: Lesen Sie die vielfältigen Leserkommentare zu meiner vorigen Philippika über den zunehmenden Park-Irrsinn in den Stadtteilen. Teilweise wird Ihnen „die Spucke wegbleiben“ – wo wir mittlerweile in Bremen gelandet sind. Inklusive Blockwart-Mentalität. Btw: Grüne, Linke und SPD, welche die Autofahrer mit ihrer Verkehrs-Politik drangsalieren, schweigen – als ob dies die Probleme lösen würde. Frage: Soll man dies ernsthaft Demokratie-fördernd nennen?
Munter bleiben!
Herzlichst
Ihr Axel Schuller
Dann viel Erfolg, vielleicht klappt es diesmal.
Hallo, Herr Brockmann,
danke für den ausgewogenen und zugleich auf eine erfolgreiche Zukunft ausgerichtete Beitrag. Sie geben wertvolle Hinweise auf eine Revitalisierung der Innenstadt mit neuen, innovativen Ideen, vor allem aber auf der Basis einer breiten Kooperation aller Beteiligten. Am meisten beeindruckt mich Ihr Argument: Baustellen als das Entstehen von etwas Neuem zu verstehen! Auch Ihr Beispiel für die Belebung der Innenstadt durch die Uni am Domshof teile ich aus eigener Erfahrung. Allein die Tatsache, dass die Studierenden den Domshof aufsuchen, wirkt belebend. Dazu kommen die vielen Beschäftigten in dem Gebäude, die auch die Innenstadt nutzen. Schließlich finden Seminare und Foren mit Menschen aus aller Welt in den kommunikationstechnisch bestens eingerichteten Räumen statt. Oft höre ich den Hinweis vieler Gäste auf den angenehmen Weg vom Hotel zum Domshof und dem Genuss der Innenstadt während der Tagungspausen. Die Entscheidung des Senats für diese Verwendung eines zentralen Gebäudes im Dienste der Universität verdient die Anerkennung des Senats und vor allem unseres Bürgermeisters, für den dieses Projekt eine „Herzenssache“ ist. Auch teile ich Ihre Forderung, dass beim Großprojekt Innenstadt die dortige Wirtschaft mit der Politik konzeptionell zusammenarbeiten muss. Hier ist positiv das Engagement der ihrer Heimatstadt verbundenen Investoren Christian Jacobs, Kurt Zech und jüngst auch Marco Bremmermann zu nennen. Ja, die Innenstadt der Zukunft wird anders aussehen, aber heute schon wird das defätistische Genörgel vom Niedergang der Bremer Innenstadt durch den Willen und Taten zur Gestaltung widerlegt.
Die Zahl von 136 inhabergeführten Fachgeschäften in der Bremer Innenstadt bezweifle ich erst einmal.
Wenn die von Franchise-Nehmern selbständig geführte „Chainstores“ dazu gehören, dann vielleicht.
Natürlich hat Herr Brockmann recht. Wer Veränderungen will, der muss Baustellen akzeptieren. Aber es hapert oft an der qualitativen Auswahl im Angebot.
Aber mit dem Wegfall einer erheblichen Anzahl von Parkplätzen im Parkhaus Mitte (933) wird es bald nicht einfacher mit dem Auto in die Altstadt zu gelangen.
Eine Anreise mit dem ÖPNV über den Bremer HBF mit vollgestopfter NWB, Bahnhofsvorplatz und Fußweg durch die Bahnhofstraße oder über den Hillmannplatz scheidet aus den allerseits bekannten Gründen aus. Sie ist ein Stimmungskiller.
Immerhin bringen die Studierenden im ehemaligen Bankgebäude wohl wieder etwas Kaufkraft in die Bremer Innenstadt, nicht zu vergleichen mit früher. Der Wochenmarkt ohne Bio- Angebote, aber immerhin auch mit inhabergeführten Markständen erfreut sich innerhalb der Woche am grosszügig herrschenden freien Platzangebot auf dem Domshof.
Im Ostertor stimmt für uns persönlich die Mischung zwischen Verweilen, Schlendern, Einkaufen und Dienstleistungen, obwohl es die politisch verantwortlichen Verkehrsplaner geschafft haben die Hin- und Rückfahrt in den Bremer Norden mit dem Auto über die Martinistraße oder den Wall ( Einbahnstrasse, Premium- Fahrradroute) maßgeblich zu erschweren.
Aber die Sitzgelegenheiten in der Martinistrasse sind ja immerhin noch vorhanden.
Ich wünsche Herrn Brockmann und seinen Mitstreitern Erfolg und eine gute Zukunft für die Bremer Innenstadt. Ich glaube leider nicht mehr daran und habe die City seit mehreren Jahren nicht mehr betreten. Ich war erstaunt darüber, dass mir nichts gefehlt hat.
sehr geehrter Herr Brockmann
17 Jahre lang haben die Kontaktbereichsbeamten Striepe, Noell, Schneider als Polizisten und ich für die STA die gute Stube Bremens im Auge behalten und bestreift.
Außer ein paar Einbruchsversuchen in der Katharinenpassage ist dort nie etwas passiert.
Das begann erst mit der unsäglichen Aussage von Frau Dr. Merkel:
„Wir schaffen das“….
Danach gab es eine totale Veränderung in der Bremer City.
Zusätzlich wurden Polizeikontrollen und Bestreifungen wegen Personalknappheit zurück gefahren.
(Beispiel Hillmann-Platz).
Wenn Sie sich jetzt für den Aufschwung der Bremer City aus innner Kraft ( die der City und Ihre) einsetzen, ist das absolut lobenswert und bewundernswert.
Dann passen die Menschen vllt wieder gegenseitig auf sich selbst und auch aufeinander auf.
Das ist so ähnlich, als wenn ein an Krebs erkrankter Patient sagt:
“ Du Krebs, kriegst mich nicht,ich kämpfe gegen Dich“….
Ihre Sichtweise, daß Baustellen auch Aufbruch und Erneuerung bedeuten können, fasziniert mich genauso wie Prof.Dr. Hickel….
„wo gehobelt wird, da fallen auch Späne“….
Ich finde es sehr schwer, mit dem Umbau der Bremer Innenstadt irgendwelche positiven Erwartungen zu verbinden. Und das liegt nicht nur daran, dass die Politik es seit vielen Jahren nicht schafft, auch nur die billigsten, einfachsten und offensichtlichsten Dinge zu machen (Bäume und Bänke, wie in jeder anderen Stadt), sondern dass die hiesigen Planer und Entscheider auch noch völlig borniert und unflexibel sind. Erst wird ein großer und teurer Architektenwettbewerb durchgeführt unter der festen Prämisse „Horten Bau bleibt“, dann wird dabei ein mutloser und langweiliger Backsteinentwurf zum Sieger gekrönt (wie immer in Bremen – was finden die nur an 80er Jahre Lochfassaden?) – und dann wird die Prämisse geändert (Horten wird nun doch abgerissen) und keiner merkt, dass es nun einer neuen Gesamtplanung bedarf. So kann man keine Stadtplanung betreiben!
136 inhabergeführte Fachgeschäfte? Es ist Stefan Brockmanns Geheimnis, wo er diese gezählt haben will. Auf diese Zahl würde ich nicht einmal kommen, wenn man alle von Ortsansässigen geführten aber austauschbaren Franchise-Filialen, Wochenmarktbeschicker und Weihnachtsmarkt- und Schlachtezauber-Buden dazu gezählt.
Die CityInitiative Bremen Werbung e.V. zählt nach eigenen Angaben nur rund 180 Mitglieder aus Handel, Gastronomie, Hotellerie, Dienstleistungen, Immobilienwirtschaft und Kultur, Ich tippe, dass echte Einzelhändler/Fachgeschäfte da in der Minderheit sind. Echte inhabergeführte Fachgeschäfte können nach meiner Bewertung in der Bremer City nur überleben, wenn ihnen die Immobilie gehört.
Aber sei es drum. Herr Brockmann freut sich über die geplanten Neubauvorhaben. Das klingt grundsätzlich gut. Bremer wissen aber, dass durch behördliches Missmanagement, ungeeigneter Planung, nachlässig-naiver Bau-
Ausschreibungsprozeduren sich alle Vorhaben deutlich verzögern und extrem verteuern werden.
Wenn alles nicht oder nur ein bisschen klappt, werden wir als Versagens-Begründung die Allzweckwaffe Fachkräftemangel um die Ohren gehauen bekommen, natürlich auch Ukrainekrieg, die Russen oder den Klimawandel.
Wir werden uns für viele Jahre an eine ewige Baustelle, ein riesiges Bauloch, gewöhnen müssen. Das weiß mit Sicherheit auch Herr Brockmann. Seine Aufgabe ist aber, Optimismus zu verbreiten. Denn schließlich kassiert die CityInitiative jedes Jahr zwischen 400.000 und 500.000 Euro. Vor 2020 musste die CityInitiative dafür Anträge an das Wirtschaftsressort schreiben. Seit 2021 wird erfolgt die Förderung “institutionell“, also einfach so, ohne etwas zu tun.