Gastkommentar: Lieber auf dem heimischen Bauernhof als im Schlachthof sterben

29.08.2026 11 Von Axel Schuller

Heute ein völlig anderes Thema. Insbesondere für alle  Fleischesser. Wolfgang Golasowski (73), Ex-Landgerichtspräsident und zuletzt Bremer Umwelt-Staatsrat (bis 2015) betreibt nahe Thedinghausen eine kleine Landwirtschaft und gründet gerade einen Schlachthof in Bauernhand. Ein Zitat: „Es erfordert viel Durchhaltevermögen beim Überwinden der Bürokratie, um lebende Tiere auf dem Hof – also ohne belastenden Transport – zu schlachten und dafür eine eigene Firma zu gründen.“ 

Der Autor Wolfgang Golasowski (rechts)

Wolfgang Golasowski schreibt:

„Fury in the Slaughterhouse

Mein Text hat weder etwas mit der Rockband aus Hannover zu tun noch mit dem Pferd „Fury“ aus der US-Kinderserie, die in den 50er- und 60er-Jahren im Ersten Deutschen Fernsehen gezeigt wurde. 

Ich möchte etwas zum Thema Ernährung sowie zu den Bedingungen und Perspektiven der heutigen Fleischproduktion sagen. Insoweit passt der Name der Band allerdings ganz gut, denn tatsächlich herrscht in unseren Schlachthäusern „Fury“ – frei übersetzt: „Aufruhr.

Warum? Die Fleischpreise steigen, die Produktionszahlen gehen zurück, und Bauern beklagen, die Margen seien zu gering. Immer mehr junge Menschen lehnen es ab, tierische Produkte zu essen. Rund ein Drittel der Menschen reduziert bewusst seinen Fleischkonsum und isst nur noch gelegentlich Fleisch

Auch die ethisch begründete Kritik an der Tötung von Tieren zur Ernährung nimmt zu. Die Methoden von Tierrechts-Aktivisten, die die vollständige Beendigung jeglicher tierischer Ausbeutung für Nahrung, Kleidung, Forschung oder Unterhaltung fordern, werden zunehmend rabiater.

Selbst die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) e. V. hält inzwischen eine rein vegane Ernährung für gesundheitlich unbedenklich, sofern dem Körper ausreichend Vitamin B12 zugeführt wird. Als Folge dieser Entwicklung schließen kleine und mittlere Schlachthöfe. Sogar der Industrieverband Garten (IVG) e. V. jammert in seinem „Branchenbericht Grillen 2026“ darüber, dass der Absatz von Grillgeräten um 3 % gesunken ist.

Was folgt daraus? „Heute ist niemand mehr bereit, freiwillig einen Schlachthof zu bauen“, sagt Hubertus Beringmeier, Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes und Veredelungspräsident* des Deutschen Bauernverbandes.

Stimmt und stimmt nicht, was Herr Beringmeier da sagt.

Seit dem Ende der Corona-Pandemie versuchen insbesondere kleinere Rinderhalter wieder, auf ihren Höfen zu schlachten. Bisher war dies nur für den Eigenbedarf erlaubt. Seit 2021 ist es aufgrund einer Änderung des EU-Rechts (Delegierte Verordnung (EU) 2021/1374 der Kommission vom 12.04.2021 zur Änderung von Anhang III der Verordnung (EG) Nr. 853/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates) möglich, bis zu drei Hausrinder im Herkunftsbetrieb zu schlachten, auch wenn sie nicht selbst verzehrt werden sollen. 

Voraussetzung ist, dass dies unter der Regie eines EU-zugelassenen Schlachthofs erfolgt und die Tierkörper innerhalb von zwei Stunden mit einem Spezialanhänger (sog. mobile Schlachteinheit) zur Weiterverarbeitung dorthin transportiert werden.

Die Schlachtung auf dem Hof bietet viele Vorteile. Insbesondere bleibt den Tieren der qualvolle Transport zur Schlachtstätte ebenso erspart wie das Auf- und Abladen. 

Wir müssen uns da nichts vormachen: Die Tiere wissen, wo die Reise hingeht. Und der Stress, dem sie dabei ausgesetzt sind, beeinträchtigt die Fleischqualität ganz erheblich.

Seit der Änderung des EU-Rechts gibt es viele – überwiegend von Landwirten getragene – Initiativen, um eine mobile Schlachtung ihrer Rinder zu organisieren. Leider waren diese Bemühungen bisher wenig erfolgreich.

Warum? Es fehlen handwerklich organisierte Schlachthöfe, die bereit und in der Lage sind, auf den Höfen getötete Rinder zur Weiterverarbeitung anzunehmen. Entweder gibt es diese Betriebsstätten nicht mehr oder die wenigen, die es noch gibt, sind bis zum Anschlag ausgelastet und nehmen keine neuen Aufträge mehr an.

Dabei ist ein deutliches Süd-Nord-Gefälle festzustellen. In Süddeutschland gibt es vielerorts noch den örtlichen Metzger oder kleine kommunale Schlachthäuser. In Norddeutschland sind diese Betriebe aufgrund des Konzentrationsprozesses der vergangenen Jahrzehnte dagegen fast ausgestorben.

War’s das? Nein!

Ende Juni 2026 haben nach langer Vorbereitungszeit zehn Landwirte und ein Schlachter aus dem Bremer Umland eine GmbH gegründet und einen Schlachthof in der Wesermarsch gepachtet. Seitdem laufen die Arbeiten für die Inbetriebnahme einer mobilen Schlachtung auf Hochtouren. 

Im September soll es so weit sein: Die ersten auf den Höfen getöteten Rinder sollen dort weiterverarbeitet werden können.

Die Vermarktung erfolgt entweder über die neu gegründete Weserfleisch GmbH oder über die Hofläden der beteiligten Landwirte. Die Kapazität der Betriebsstätte reicht aus, um nicht nur Tiere der Gesellschafter anzunehmen. Wenn alles gut läuft, soll die GmbH alsbald in eine Genossenschaft umgewandelt werden. Dann gäbe es tatsächlich einen „Schlachthof in Bauernhand“.

Was habe ich damit zu tun? Und warum erzähle ich das alles?

Mit der Gründung der Weserfleisch GmbH wurde ich zum Geschäftsführer bestellt. Dem Schlachter, der zugleich Gesellschafter ist, wurde die Betriebsleitung übertragen.

Bereits im Vorfeld der GmbH-Gründung und erst recht danach haben wir erfahren, wie viel Durchhaltevermögen erforderlich ist, um heutzutage eine gute Idee – keine Transporte von lebenden Tieren – umzusetzen, ohne an den Hürden der Bürokratie zu scheitern.

Auweia!

Der mir hier zugebilligte Platz reicht bei Weitem nicht aus, um zu beschreiben, was wir inzwischen alles erlebt haben. Das war echt die Härte! Mehr als einmal waren wir so weit, das Ganze hinzuschmeißen.

Ich möchte nicht missverstanden werden: Vorschriften und bürokratische Verfahren sind gerade bei der Produktion tierischer Lebensmittel unabdingbar. Aber es ist kaum noch möglich, alles zu bedenken und umzusetzen, was getan werden muss, bevor das erste Steak in der Pfanne brutzeln kann.

Ob wir das alles geschafft haben, werden wir erst wissen, wenn die letzte Genehmigung vorliegt.

Wir sind guter Hoffnung!

Sorge bereitet mir allerdings die Frage, ob es am Standort Deutschland überhaupt noch gelingen kann, kritisches bzw. störendes Gewerbe anzusiedeln.

Als wir noch glaubten, wir könnten einen neuen regionalen Schlachthof bauen, habe ich von Bürgermeistern und Landräten immer wieder zu hören bekommen, die Flächen seien für einen Schlachthof („igitt“) nicht vorgesehen. Man bevorzuge die Ansiedlung von IT-Betrieben.

Da frage ich mich schon: Was wollen wir noch alles in Länder verlagern, in denen es aufgrund autoritärer oder korrupter Systeme weniger Bürokratie gibt?

Das kann nicht die Lösung sein.“

Ende des Gastkommentars

Liebe Leserschaft, ich hoffe, dass Sie diesen Beitrag (wie ich zuvor) als Erkenntnisgewinn werten. 

  • Anmerkung zum Veredlungspräsident. Dank Wolfgang Golasowski und dem Portal „VegPool“ durfte ich folgende Bedeutung lernen: 

„Wenn man 1 Kilo Getreide verfüttert, um 75 Gramm Fleisch zu bekommen, dann liegt es nahe, von Verschwendung zu sprechen. Agrar-Lobbyisten sagen lieber „Veredelungsverluste“.

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller