Meyer-Heder – das ehrlichste Interview des Jahres, und wie es missbraucht wurde

04.10.2023 10 Von Axel Schuller

Könnte ich einen Preis für das „ehrlichste Interview des Jahres“ vergeben, der Preisträger hieße: Carsten Meyer-Heder. Das Gespräch war – bis auf die missglückte Sequenz über die in Bremen ohnehin nicht aktive AfD – so offen wie selten. Geneigte Leserschaft, bitte lassen Sie sich von den Urteilen vieler Politiker und meiner Kollegen nicht in die Irre leiten. Christdemokrat Meyer-Heder hat aus meiner Sicht den Nerv der Bevölkerungs-Mehrheit getroffen. Nutzen Sie gerne den Link (unten), um sich Ihr eigenes  Bild zu machen.

Viele Menschen, die über das nur im Netz verfügbare Gespräch reden, kennen in Wahrheit lediglich einen Mini-Ausschnitt von 29 Sekunden. Ansonsten wurden in den Medien überwiegend Erklärungen von Politikern und Wertungen von Journalisten veröffentlicht. Schlimm daran ist: Meyer-Heder wird auf seinen unreflektierten AFD-Satz reduziert. Dabei hat der Mann viele zutreffende Themen angesprochen. Übrigens auch den „Linksdrall der Bremer Presse“, wie er es nennt.

Er hat unter anderem kritisiert, dass Politik häufig ahnungslos, planlos, reagierend statt agierend, ideologisch festgelegt statt lösungsorientiert usw. aktiv ist. Aus seiner Unternehmersicht hat er einen weiteren wichtigen Punkt angesprochen. Politik beschließt etwas, ohne nachzuverfolgen , was damit erreicht wird. „Politik formuliert keine Ziele, weil sie sich daran messen lassen müsste.“ Sich selbst stuft CMH – zurecht – als „ein bisschen naiv“ für das Politikgeschäft ein. Das schmälert seine Aussagen aber keineswegs.

Sie sehen, es gibt auch mal Interviews, die durch klare, ehrliche Aussagen des Interviewten spannend werden. Und manchmal geraten die Journalisten in eine schon etwas seltsam anmutende Situation als Politik-Verteidiger.

Zur besseren Übersicht nun ein paar Hinweise mit Minuten-Angaben, wo es um welches Thema geht.

Minute 4:00 „Das Schlimmste an Politik ist, aus Prinzip gegen etwas zu sein, weil andere dafür sind.“ …“In der Opposition macht man gar nix, man erreicht nix.“

8:50Qualität sichern, Ziele setzen – wird in Bremens nirgends gemacht. Das ist absurd, das tut weh.“ 

14:04 „Wenn Bündnis Deutschland einen sinnvollen Antrag stellt, kann man doch nicht sagen, ist Quatsch. Es geht doch um den Inhalt. In der Politik geht’s aber nicht um Inhalte.“

15:34 „Beispiel Ausbildungsfonds, der Grüne Robert Bücking äußert Bedenken, stimmt dann aber doch zu. Sachen werden durchgewunken, auch wenn sie falsch sind.“

Bemerkenswert, dass Moderator Felix Krömer an dieser Stelle meinte, den Politikbetrieb erklären zu müssen und feststellte, ohne Fraktionszwang könne man ja keine Politik machen…

Nur mal so am Rande: Im Grundgesetz Art. 38, Abs. 1, Satz 2, heißt es, dass Abgeordnete „an Aufträge und Weisungen nicht gebunden sind und nur ihrem Gewissen unterworfen sind“. 

17:05 „Wenn ich Bürgermeister wäre, wären wir einen Schritt weiter. Ich hätte die besten Leute von Außen geholt – auch aus anderen Parteien, wenn die gut sind…“

19:45 Bürgermeister ist der härteste Job – 24/7 die größten Probleme lösen. Jetzt haben wir einen Bürgermeister, der Gitarre spielt…“

31:40 „Politik lebt davon, starke Leute nicht hochkommen zu lassen, weil die den eigenen Job bedrohen. Ist in jeder Partei so, auch in großen Konzernen.“

37:00 und folgende Min. „Ist ne gefährliche Haltung, weiß ich. Aber wenn die AfD ne richtige Forderung stellt, ist es doch Quatsch, die abzulehnen…. Wir müssen Dinge tun, die Sinn machen, und nicht aus ideologischen Gründen Dinge lassen, die Sinn machen.“ … Wir können doch nicht so tun, als seien alle AfD-Wähler verwirrte Menschen. Die haben einfach die Schnauze voll, wie wir das hier tun. Deswegen müssen wir nicht mit denen zusammenarbeiten, aber damit beschäftigen, und sie zurückholen. Sonst hat die AfD bei der nächsten Bundestagswahl 30 Prozent.“

41:48 Politiker lassen sich von Gewerkschaftern und Leuten beraten, die noch nie selbst gearbeitet haben, statt Unternehmer und Handwerker zu fragen.“

45:02 Zur CDU-Klage gegen den Haushalt: „Überall wird Geld ohne Ende reingekippt, aber nix passiert. Wo ist denn Photo-Voltaik auf öffentlichen Gebäuden?” 

45:02 Maike Schaefer war die einzige im Senat, die was getan hat – auch wenn ich’s nicht gutfand. Aber sie hat etwas getan.

Liebe Blog-Leser m/w, das Interview ist 53:51 Minuten lang, Trotzdem: Schauen Sie es sich an, es ist aus meiner Sicht ein Dokument bremischer Politik.

Hier der versprochene Link

https://www.butenunbinnen.de/videos/exklusiv/kroemer-talk-meyer-heder-cdu-102.html

Nachbemerkung: Ich habe Carsten Meyer-Heder in früheren Beiträgen (1. Februar 2022, 6. Februar 2022, 12. Mai 2022) teilweise heftig kritisiert, weil er sich im Politik-Betrieb einfach nicht zurechtgefunden hat – und dennoch mitgespielt hat. Dabei bleibe ich auch. Jedoch verlangt mir sein Interview bei Radio Bremen Respekt für seine entwaffnende Ehrlichkeit und Offenheit ab. Leider sind alle Parteien bis auf BD pawlow-mäßig auf den AfD-Satz angesprungen.

Politik wird das Erstarken der AfD weder durch Ignoranz  noch blubber-artige Presseerklärungen zurückdrängen, sondern nur durch konsequente und an den Nöten der Bevölkerung ausgerichteten Politik.

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller 

P.S.: Carsten Meyer-Heder hat sich bei LinkedIn auf seiner Firmenseite “team neusta” für seine “Äußerungen im Hinblick auf eine Zusammenarbeit mit der AfD” entschuldigt. Ist der Mann plötzlich so verzagt wie zu viele Bürger m/w, die meinen, “man dürfe heutzutage nicht mehr sagen, was man denkt”, oder steckt Schlimmeres dahinter? In diesen aufgeheizten, übertrieben woken Zeiten würde es mich wirklich nicht wundern, wenn “politisch-überkorrekte” neusta-Kunden mit Kündigung eines Auftrages gedroht hätten. Oder, noch heftiger, irgendwelche Chaoten die Firma bedroht hätten. Das LKA kennt solche Fälle zuhauf. Klingt für Sie vielleicht irre – ist aber leider denkbar.