Für mehr Gerechtigkeit: Inflationsausgleich nicht nur für Beamte, sondern auch für Normalos

26.12.2023 10 Von Axel Schuller

Ein Hoch auf den SPD-Unterbezirk Bremen-Nord. Dort kennt man sich noch mit der Realität von Rentner-Portmonees aus. Olaf Scholz, SPD-Mitglied und Kanzler, reagiert auf diesem Feld eher kaltschnäuzig. Brandaktuelles Thema heute: Deutschland verstärkt die Zwei-Klassen-Gesellschaft. „Pensionäre“ des Staates erhalten – anders als ordinäre Rentner – einen Inflationsausgleich von bis zu 3.000 Euro netto. Dazu passt: Müssen gebrechliche Alte ins Pflegeheim, werden dem gemeinen Rentner Sparbuch und Immobilienbesitz „angerechnet“ – pensionierte Beamte behalten ihr Vermögen und können auf staatliche Beihilfe setzen.

Bevor der verbeamtete Teil meiner Leserschaft nun pestet: Jau, jetzt spielt der feine Herr Schuller das Neid-Blatt aus… Nein, ich führe Sie anhand teilweise unglaublicher Zahlen bloß in die Unterwelt der Ungerechtigkeit. Politiker denken bei leeren Kassen als erstes an Steuer-Erhöhungen. Dabei gibt’s ein Uralt-Hausmittel Mittel: sparen. Ist zumindest rechnerisch viel einfacher, aber zugegebenermaßen unbequemer. Zumal sich Politiker damit auch ins eigene Fleisch sparen würden.

Nehmen wir das Thema Beamte und alles, was dazu gehört. Die kriegen aktuell (angeblich) niedrige Löhne als in der Wirtschaft, beziehen aber als Pensionäre deutlich mehr Geld. Höchstsatz eines Rentners: rund 42 Prozent von der Bemessungsgrenze (2023: 7.300 Euro). Macht in der Spitze: Knapp über 3.000 Euro. Aber: Diese Rente ist für 99,Periode9 Prozent blanke Theorie. Wer so viel Geld nach 45 Jahren Arbeit beziehen will, muss vom ersten Arbeitstag an immer – durchgängig – den Höchstbeitrag bezahlt haben. Deshalb gibt es bundesweit – Achtung, festhalten – lediglich 50 Menschen, die eine Rente von über 3.000 Euro beziehen. 

Die nackten Zahlen: In Deutschland gibt es aktuell 21,22 Millionen Rentner m/w. Männer erhalten im Durchschnitt 1.279 EuroFrauen kommen im Schnitt auf 789 Euro.

Nun zu den Beamten und Pensionären: In Deutschland gibt es 5 Millionen Beschäftigte im öffentlichen Dienst, davon sind 1,7 Millionen Beamte.

Die offizielle Zahl der Pensionäre, auch Versorgungsempfänger genannt: 1,38 Millionen Männer und Frauen.

Im Schnitt erhält ein pensionierter Beamter 3.170 Euro brutto. Im Schnitt. Wir erinnern uns: In den ganzen deutschen Landen schaffen es nur 50 regulär versicherte Rentner über die 3.000er-brutto-Grenze.

Beamte betonen stets, sie müssten ihre Pensionen versteuern. Richtig. Müssen Rentner oberhalb des Freibetrags von 10.347 Euro teilweise (und jedes Jahr zunehmend) ebenso. Während Nicht-Beamte ihr Leben lang in die Arbeitslosen- und Rentenversicherung  einzahlen, bleibt dies Beamten über die gesamte Zeit erspart.

Wer sich als Beamter privat versichert, hat noch mehr Vorteile: Der Staat übernimmt durch die „Beihilfe“ mindestens 50 Prozent aller medizinischen Aufwendungen, in einigen Bundesländern sogar 60 in der Spitze bis zu 70 Prozent. Für die Lücke von 30 bis 50 Prozent muss sich der Beamte privat versichern. Bei den fälligen Beträgen geht es (anders als bei Otto-Normal) nicht nach der Einkommenshöhe, sondern nach Eintrittsalter und  Gesundheitszustand.

Nun kommt’s ganz dicke: Für den öffentlichen Dienst (wie in anderen Branchen) wurde neben den Tariferhöhungen auch ein abgabenfreier Inflationsausgleich vereinbart. Das gleiche wird – wie jedes Mal – auch auf die Beamten übertragen. Und, anders als bei den Versicherten der Deutschen Rentenversicherung, werden auch die Pensionäre mit der Zahlung beglückt.

Gegen diese Ungerechtigkeit begehrte der Nord-Bremer SPD-Unterbezirk auf. Um das Thema direkt und richtig zu adressieren, schickte man den Beschluss an die SPD-Bundestagsfraktion. Damit die dies – als (noch) größter Partner in der Ampel-Koalition – durchsetze.

Is aber nich. Der Bundeskanzler höchstselbst machte während einer seiner Bürgerversammlungen auch klar, weshalb Staats-Pensionäre 3.000 Euro kriegen, Rentner aber nicht: Die Rentner seien einfach zu viele, das wäre für den Staat halt zu teuer.

Ich habe mal gerechnet: An 21 Millionen Rentner müssten bis zu 63 Milliarden Euro ausgeschüttet werden. Die 1,38 Millionen Pensionäre kosten den Staat maximal 4,14 Milliarden Euro an Inflationsausgleich.

Schauen Sie sich Scholz’ Ausführungen selbst an. Besonders interessant, dass er Rentner indirekt – aber überhaupt, in Relation zu faulen Berufsanfängern setzt. 

Eine ähnliche Systematik/Ungerechtigkeit greift übrigens später im Pflegeheim. Dort darf Otto-Normal 10.000 Euro (Schonvermögen) behalten. Ein eigene Immobilie wird angerechnet. Wird also als Vermögen gewertet, das man versilbern und davon die Heimkosten bezahlen muss. Erst wenn nix mehr übrig ist, springt die Sozialbehörde ein.

Bei beihilfeberechtigten Beamten sieht die Welt anders aus: Sie dürfen ihr Vermögen behalten. Der Staat springt für alle Kosten des Heimaufenthaltes ein, die über der Pension liegen. Dies gilt auch für alle Steigerungen der Pflegeheimkosten. Begründung: Der Staat „versorgt“ seine Beamten lebenslang.

So nun noch zu Spar-Möglichkeiten: Würde Diesel für alle Verkehrsteilnehmer (außer Landwirten) so besteuert werden wie Benzin, kämen 8,5 Milliarden Euro in die Staatskasse. Der Wegfall des Dienstwagenprivilegs brächte 5,5 Milliarden Euro.

Das Problem bei allen Sparüberlegungen: Spitzenpolitiker wie Minister und die meisten „Volksvertreter“ hängen am Pensionssystem (max 72 Prozent vom letzten Einkommen). Minister und viele Spitzenpolitiker werden in Dienstwagen gefahren.

Ergo: Bei allen Geld-sparenden Änderungen – beispielsweise der Abschaffung der Beamten-Privilegien – würden Spitzenpolitiker sich ins eigene Fleisch schneiden.

Beim Dieselprivileg wären hingegen alle Firmen und Institutionen betroffen, die Dienstwagen mit teils Treibstoff-hungrigen Motoren zur Verfügung stellen. 

Man ahnt: Es wird sich nichts, aber auch gar nichts ändern. Aber gut, dass wir drüber gesprochen haben. 🙂

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller

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